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Jürg Schweizer, Leiter des SLF Davos, hält Massnahmen zur CO2-Reduktion für nötig «Wir können den Klimawandel nicht mehr verhindern, aber eingrenzen»

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Sommertouristen begehen das Halbweiss auf dem Titlis bei Engelberg. Foto: Hans Peter Jost

90 Prozent des Eisvolumens von Schweizer Gletschern und Firnen wird bis Ende des Jahrhunderts verschwinden. Schnee wird das Mittelland kaum mehr sehen. Das sagt Jürg Schweizer, Leiter des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos.

tob. Es gibt immer noch Leute, die zweifeln, ob die Erwärmung des Klimas etwas mit dem vom Menschen verursachten CO2-Ausstoss zu tun hat. Wie überzeugen Sie diese Zweifler?
In meinem Umfeld gibt es zum Glück kaum Klimaskeptiker. Aber es wird wohl immer Leute geben, die sich von wissenschaftlichen Fakten nicht überzeugen lassen. Die Evidenz ist erdrückend. Das Klima ändert sich und der Mensch trägt dafür die Hauptverantwortung.

Warum ist die Schweiz von der Klimaerwärmung besonders stark betroffen?
In der Schweiz beträgt die Erwärmung bislang rund 1,5 Grad, etwa eineinhalb Mal so viel wie im globalen Mittel. An den Polen und in den Gebirgen ist die Klimaerwärmung besonders ausgeprägt. Deshalb sind auch Gebirgsländer wie die Schweiz weltweit stärker vom Klimawandel betroffen als flache Regionen. Dass die Alpen besonders anfällig sind, hat auch mit Physik zu tun. Bei null Grad tauen Schnee und Eis. Ist die weisse Oberfläche aber weg, wird viel weniger Sonnenstrahlung reflektiert und der Boden erwärmt sich noch mehr. Es gibt in – vormals – Schnee bedeckten Regionen eine Rückkopplung, die den Klimawandel verstärkt – mit der Folge, dass Schnee und Eis immer schneller schmelzen. Der kleine Übergang von Minus- zu Plusgraden hat deshalb grosse Folgen, die Veränderungen verlaufen da nicht mehr gleichförmig.

Sie erforschen auch den Permafrost in den Bergen. Was lesen Sie in den Bohrlöchern ab?
Wir stellen fest, dass sich auch der ständig gefrorene Boden in hohen Lagen erwärmt hat, besonders seit 2009.

Der Permafrost taut auf, es kommt vermehrt zu Steinschlag und Murgängen. Ist das wirklich so oder haben wir diesen Eindruck, weil der Mensch häufiger in hochgelegenen Gebieten unterwegs ist?
In heissen Sommern gehen bei uns tatsächlich viele Meldungen über Steinschlagereignisse ein. Das Tauen des Permafrosts wirkt sich direkt auf die Steinschlagaktivität aus. Bei kleinen Ereignissen ist die Beobachtung aber sicher unvollständig und man kann keine Trends ablesen. Die grossen Felsstürze sind meist gut dokumentiert, doch sie sind zu selten für eine statistische Analyse. Erwärmt sich stark zerklüfteter Fels, schmilzt das Eis und so kann mehr Wasser eindringen. Wenn der Wasserdruck steigt, können grosse Felsmassen destabilisiert und Bergstürze wie jener vom Pizzo Cengalo bei Bondo ausgelöst werden. Das sind komplexe Vorgänge, die meist eine lange Vorgeschichte haben.

Wie verhalten sich Blockgletscher?
Felstrümmer und Schnee am Fuss von Felswänden bilden eisreiche Geländeformen, sogenannte Blockgletscher, die langsam talwärts kriechen. Wenn das Eis in einem Blockgletscher über Jahre wegschmilzt, so liegt dann sehr viel loses Material herum. Dieses kann bei starken Niederschlägen plötzlich ins Rutschen kommen. Es entstehen Murgänge, die bis in bewohnte Gebiete fliessen können.

Wann verschwindet der letzte Gletscher in der Schweiz?
Wenn der Klimawandel im gleichen Tempo weitergeht, werden bis Ende dieses Jahrhunderts 90 % des Eisvolumens weggeschmolzen sein. Die Gletscherflächen werden sich auf einen Fünftel reduzieren, die verbleibenden Gletscher werden viel dünner sein als heute. Gletscher wird es wohl nur noch oberhalb von 3000 Metern geben, vor allem in der Jungfrau-Region und in den Walliser Alpen …

... und wir werden immer weniger Tage haben, an denen es schön schneit und Schnee liegt?
Ja, das ist so. Die Dauer der Schneebedeckung wird sich stark verkürzen, ebenso wird die mittlere Schneehöhe stark zurückgehen. Mürren im Berner Oberland liegt auf 1600 Metern. Wir gehen davon aus, dass dort am Ende des 21. Jahrhunderts nur noch an halb so vielen Tagen wie heute Schnee liegen wird. Im Mittelland werden wir kaum noch Schnee sehen oder dann nur sehr kurz. Wenn wir davon ausgehen, dass ein Skigebiet, um als einigermassen schneesicher zu gelten, an mindestens 100 Tagen eine Schneedecke von 30 cm haben muss, so wird das am Ende des Jahrhunderts wohl nur noch oberhalb von 2000 Metern der Fall sein.

Die Gletscher speichern Wasser und geben es im Sommer an die Flüsse ab. Wie muss ich mir unsere Flüsse und Bäche vorstellen, wenn die Gletscher nicht mehr da sind?
In den nächsten 50 Jahren wird man in den Regionen mit vergletscherten Einzugsgebieten tendenziell mehr Wasser haben, dann aber weniger, wohl auch weniger als heute. Zudem wird der Abfluss übers Jahr anders verteilt sein, im Sommer eher weniger, im Winter mehr Wasser. In sehr trockenen Sommern könnte das zu Nutzungskonflikten führen.

Ist es tatsächlich so, dass die Temperaturen aufgrund des bereits vorhandenen CO2 noch lange steigen werden, auch wenn die Staaten rigorose Massnahmen beschliessen?
Die Temperatur in der Atmosphäre reagiert relativ rasch – auf einer Zeitskala von einem bis zu wenigen Jahrzehnten – auf Änderungen im CO2-Gehalt. Würde es gelingen, den CO2-Gehalt zu stabilisieren, würde auch die Temperatur nicht weiter zunehmen. Aber unser Klimasystem als solches ist sehr träge und viele der durch die Erwärmung ausgelösten Prozesse werden noch viele Jahrzehnte und Jahrhunderte weitergehen, selbst bei einer Stabilisierung oder gar Abnahme der CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Auch wenn wir den CO2-Ausstoss drastisch einschränken, werden die Gletscher weitgehend verschwinden und der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts um 50 bis 60 cm steigen. Wir können den Klimawandel nicht mehr verhindern, aber in seinem Ausmass eingrenzen, wenn wir jetzt eingreifen. Gemäss dem letzten IPCCBericht ist es auch volkswirtschaftlich eindeutig sinnvoller, frühzeitig Massnahmen zur Vermeidung des Klimawandels zu ergreifen als später mit den Konsequenzen umgehen zu müssen.

Die Alpen-Initiative empfiehlt, den CO2- Ausstoss in allen Bereichen zu reduzieren, also auch beim Güterverkehr. Halten Sie das für sinnvoll?
Wenn wir das von der Staatengemeinschaft und der Schweiz mit dem Paris- Abkommen erklärte Ziel einer Klimaerwärmung von nicht mehr als 1,5 bis 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erreichen und damit die Auswirkungen des Klimawandels begrenzen wollen, dann müssen wir den Ausstoss des Klimagases CO2 reduzieren. Auch beim Verkehr.

Was tut Ihnen angesichts der Klimaerwärmung am meisten weh?
Es stimmt mich persönlich wehmütig, wenn ich sehe, wie die Schneefelder und Gletscher verschwinden. Sie machen für mich den hohen Wert der Berglandschaften aus. Berge sind doch nur richtige Berge mit Schnee und Eis.

Jürg Schweizer

Image Jürg Schweizer
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leitet das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos. Er leitet a.i. auch das WSL-Forschungsprogramm zu Auswirkungen des Klimawandels auf Massenbewegungen in den Bergen. Jürg Schweizer, 57, ist Umweltphysiker und kam über seine Dissertation zum Gletschergleiten ans SLF.
 

 

Das Klima im Bundeshaus

mh. Keine Energiewende ohne Verkehrswende. Diese Botschaft ist noch nicht wirklich bis ins Bundeshaus vorgedrungen. Dabei wird sich das Eidgenössische Parlament in den nächsten Monaten erneut mit dem Klimawandel beschäftigen, respektive die Revision des Bundesgesetzes «über die Verminderung von Treibhausgasemissionen (CO2-Gesetz)» beraten.

Mit der Ratifikation des Klimaübereinkommens von Paris im Oktober 2017 hat sich die Schweiz dazu verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis 2030 gegenüber 1990 um 50 % zu senken. Der Verkehr ist heute der grösste Verursacher von CO2-Emissionen in der Schweiz, doch für den Güterverkehr auf der Strasse sind bisher keine Massnahmen vorgesehen.

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Die Alpen-Initiative (rätoromanisch "Iniziativa da las Alps") ist ein Schweizer Verein, der sich für den Schutz des Alpengebietes vor dem Transitverkehr einsetzt. Der Verein lancierte die «Eidgenössische Volksinitiative zum Schutze des Alpengebietes vor dem Transitverkehr» (umgangssprachlich: «Alpen-Initiative»). Sie wurde am 20. Februar 1994 durch Volk und Stände angenommen.

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