20. September 2018

Das Ergebnis fiel klar aus: Der Schmähpreis «Teufelsstein» für den absurdesten Transport geht an die SBB und ihre weit gereiste Fassade an der Europaallee. Das positive Pendant, der «Bergkristall», erhält die innovative Organisation «Wasser für Wasser», die in Restaurants und Firmen den Konsum von Hahnenwasser fördert.

cb. Wenn man mit dem Zug in Zürich am Bahnhof einfährt, sieht man ihn rechts neben den Geleisen in den Himmel ragen: Den neuen Prestigebau der SBB in der Europaallee – mit seiner Fassade aus China.

Eigentlich stammt der Muschelkalkstein, der in der rund 22’000 m2 grossen Fassadenfläche verwendet wurde, ja aus einem Steinbruch in Würzburg. Doch statt direkt in die Schweiz wurden die Natursteine von Deutschland nach China verfrachtet und dort zu Fassadenelementen zusammengebaut. Von China wurden sie wiederum nach Basel zurück verschifft und mit dem Lastwagen nach Zürich transportiert. Gesamte Transportstrecke: 43’120 Kilometer. Der Transport verursacht 20 Mal mehr CO2, als wenn die Fassade vor Ort produziert worden wäre.

Das Votum der 8611 Personen, die an der Abstimmung zu den Transport-Auszeichnungen der Alpen-Initiative teilnahmen, fiel klar aus: Der Schmähpreis für den absurdesten Transport geht an die SBB.

Mehr als ein Mal um die Welt

«Die Steine wurden mehr als ein Mal um die Welt transportiert», sagte Jon Pult, Präsident der Alpen-Initiative, bei der Übergabe des Transport-Schmähpreises auf dem Europaplatz in Zürich, während im Hintergrund auf der Baustelle in der Europaallee die Baumaschinen lärmten. «Es braucht unbedingt weniger unsinnige und mehr regionale Kreisläufe, um unsere Alpen und das Klima zu schützen.» Entgegengenommen wurde der «Teufelsstein» von Andreas Steiger, SBB-Projektleiter Europaallee, und von SBB-Sprecher Christian Ginsig. «Wir haben nicht damit gerechnet, dass die Steine in China montiert werden», sagte Andreas Steiger vor den Aktivistinnen und Aktivisten der Alpen-Initiative und den Medien. Die Firma, an welche die SBB den Bauauftrag vergeben habe, habe sich jedoch aus Qualitätsgründen dafür entschieden, die gesamte Fassade in China zusammenbauen zu lassen. Kurz: Die SBB haben Porr Suisse mit dem Bau des Wohn- und Gewerbekomplexes beauftragt. Porr Suisse wiederum gab den Auftrag für die Fassade an das chinesische Unternehmen Yuanda respektive Yuanda Europe weiter.

«Anlass zur Reflexion»

Wird die SBB beim nächsten Mal anders vorgehen? «Diese zweifelhafte Auszeichnung gibt Anlass, um das eine oder andere zu reflektieren», sagte Steiger, berief sich jedoch gleich auf das Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen. «Wir haben das Beschaffungsgesetz eingehalten und gemäss dem gilt: Das beste Angebot im Bereich Qualität und Preis erhält den Zuschlag. Wenn das beste Angebot aus China kommt, dann muss auch das Angebot aus China berücksichtigt werden.»

Laut Beschaffungsgesetz – dessen Totalrevision noch vom Ständerat abgesegnet werden muss – muss bei gleicher Qualität das günstigere Angebot gewählt werden. Ein absurdes System: Ein Unternehmen erhält eher einen Auftrag, wenn es Steine ans andere Ende der Welt und zurück transportiert, als wenn es mit Lieferanten und Materialien aus der Region arbeitet. Jon Pult: «Wir erwarten vom Bund, dem Eigner der SBB, dass das Beschaffungsgesetz so angepasst wird, dass ökologische Kriterien und damit auch Transportkriterien mehr Gewicht erhalten als das heute der Fall ist.»

Das unterstützt auch SBB-Sprecher Christian Ginsig: «Auch die SBB sind der Meinung, dass ökologische und soziale Standpunkte im Beschaffungsgesetz stärker gewichtet werden sollten.» Und was ist mit dem eigenen Handlungsspielraum? «Wir wollen nachhaltige Aspekte bei der Beschaffung in Zukunft noch mehr einbringen.» Wir nehmen die SBB beim Wort!


Hahnen- statt Flaschenwasser

Die Alpen-Initiative ist überzeugt, dass wir die Transportwelt durch unser Konsumverhalten verändern können. Dass es auch anders geht, zeigt die Luzerner Organisation «Wasser für Wasser»: Sie wurde mit dem «Bergkristall» ausgezeichnet, der an innovative Projekte verliehen wird, die Transporte möglichst vermeiden und auf lokale Lösungen und Transparenz setzen.

«Wasser für Wasser» setzt sich dafür ein, dass in Restaurants und Unternehmen Hahnen- statt Flaschenwasser getrunken wird, wodurch unnötige Transporte und Abfälle wegfallen. «Das Schweizer Leitungswasser ist von ausgezeichneter Qualität. Weshalb soll man da Wasser von weit her transportieren», sagt Lior Etter, der mit seinem Bruder Morris 2012 die Organisation gegründet hat. Die Organisation arbeitet mittlerweile mit rund 500 Deutschschweizer Partnerbetrieben zusammen und plant den Sprung über die Saane in die Westschweiz. «Wir wollen für den Wert von Leitungswasser sensibilisieren und gleichzeitig in afrikanischen Ländern den Trinkwasserzugang fördern.»

Der jungen Organisation geht es auch darum, ökologische und soziale Aspekte miteinander zu verbinden und in den Alltag zu tragen: Restaurants können bei «Wasser für Wasser» Karaffen beziehen. Die Gäste bezahlen für das Leitungswasser und spenden damit für Wasserprojekte in Sambia und Mosambik. Viele Gastronomiebetriebe verzichten sogar ganz auf Flaschenwasser. Auch zahlreiche Unternehmen machen bei «Wasser für Wasser» mit: Mit Hahnenwasser die Umwelt schonen und Menschen den Zugang zur lebenswichtigen Ressource Wasser ermöglichen.